Lieblingsbücher der Dozenten und Studierenden

Xosé Carlos Caneiro: Ébora. Roman. 2000.

 

 Libardino Romero, ein 1,60 m großer und 50 kg schwerer Büroangestellter, Träumer und Hobby-Philosoph, hat es im Leben nicht leicht. Um genau zu sein, beschweren ihn die horrenden Ausmaße seiner Ehefrau, Matilde Sanchez Grande, die als Kind Dompteuse werden wollte und nun ihren Traum in der Ehe auslebt. Eines schönen Dezembermorgens entschließt sich Libardino zur Flucht. Er möchte Odysseus gleich Abenteuer erleben. „Odysseus, der auszog, um einen Beweggrund zu finden […] um die großen Schlachten zu gewinnen, die hinter den Toren jeder einzelnen Stunde lauerten: die Schlachten des Herzens.“

Libardino nimmt etwas Geld und ein Foto von Margarita Vega – „der größte Schatz aus seinem armseligen Hab und Gut“ – mit, packt das Nötigste in eine Plastiktüte und tritt aus dem Haus, den großen Abenteuern entgegen. Seiner Frau hinterlässt er eine kurze Nachricht: „Ich brauche Abenteuer, ich brauche Luft. Leb wohl, rasendes Weib.“ Doch wohin soll seine Reise gehen? Der Zufall soll es entscheiden: Das 27ste Auto, das an ihn vorbeifährt, bestimmt die Richtung seiner Reise. Beim Warten auf jenes schicksalhafte Auto fällt ihm eine seltsame Gestalt auf: ein Mann, der mit einem roten Koffer mitten auf der Praza Maior sitzt. „Gebt mir eure Münzen, denn ihr existiert ausschließlich meinetwegen, Kinder der Habsucht und des Neides ...“, ruft der Mann, der sich Mefisto nennt und behauptet, Sohn von Mephistopheles zu sein. „Ich erträume alles, was die Menschen sehen können, was geschieht und was erst noch geschehen wird, die Gegenwart und die Zukunft […] ohne mich existiert nichts, geschieht nichts, ist nichts.“ „Dann können Sie doch einen Roman mit einem Helden Namens Libardino Romero erträumen“, schlägt ihm Libardino vor. – „Das werde ich tun“, erwidert der Mann.

So beginnt Libardinos sehnsuchtsvolle Odyssee, auf der Suche nach Abenteuern, Liebe und seiner Heimat Ébora. Bei seiner Reise begegnet er vielen skurrilen und seltsamen Gestalten. Da wäre z.B. der einarmige Tangotänzer Susanito Cabral , der – ganz nach Petrarcas Vorbild – seine Laura sucht, wegen der er den linken Arm in einem Zweikampf mit ihrem Zuhälter lassen musste. Oder ein äußerst bissiger Hund, der die menschliche Sprache versteht und sogar ganze Bücher liest. Parallel zu Libardinos Reise wird die Geschichte seines Heimatdorfes erzählt.

Ébora liegt an einer Zauberquelle (a Fonte do Encantamento). Seine Einwohner sind eigen- und einzigartig: Libardinos Mutter Señora Pura, die eine Vorliebe für komplizierte und seltene Wörter hat, gerne Wörterbücher liest und neue Wörter erfindet. Der Künstler und liebeskranke Säufer Tintoretto, der die Innenwände von Särgen mit fluoreszierenden Bildern bemalt und seine unendlich tiefe und leuchtende Liebe zu Señora Pura in Wein und Schnaps ertränkt. Die kleine, korpulente Lehrerin Saladina Ferrer, die fest an ihren Lieblingsheiligen Karl Marx glaubt („ihr Karlchen, ihr Carliños“) und unsterblich in den Dorfpfarrer mit dem blonden Haar, das „so hell leuchtete, wie die Strahlen der gleißenden, im Zenit stehenden Sonne“ verliebt ist, der wiederum „seine Schäfchen“ nach einer heiligen Eingebung in Mathematik, Literatur und anderen Wissenschaften unterrichtet und am Ende durch das ihm unbegreifliche Mysterium der Dreifaltigkeit den Verstand verliert.

Ein zentrales Thema, das in Ébora behandelt wird, ist „der unaufhaltsame Fortschritt der Dummheit“. Als Symbol für selbige dient der erste Fernsehapparat, der in den 60er Jahren im Haus von Éboras Bürgermeister aufgestellt wird. Der Vater des Bürgermeisters versteht zuerst nicht, wie der kleine Mann in dem Kasten so unverschämt sein kann und ohne Unterlass redet, ohne auf seine Fragen zu reagieren. Schließlich erleidet er einen Herzinfarkt, als er versucht, mit den Tänzerinnen im Fernseher mitzutanzen. Danach nimmt sich die Ehegattin des Bürgermeisters des neuartigen Apparates an. Sie verliert aber auch den Verstand und redet mit den Figuren der Talkshows und geht nie schlafen, bevor der Mann im Bild ihr nicht eine gute Nacht gewünscht hat. Als schließlich der Ton des Fernsehers ausfällt, macht sie sich schreckliche Sorgen und bekocht ihre Freunde aus dem Kasten, im Glauben, sie hätten ihre Stimmen durch die schlechten Bedingungen beim Fernsehen eingebüßt. Am Ende landen die Einwohner Éboras ironischerweise bei einer Quizshow in Madrid, bei der sie sich vollends blamieren.

Ébora ist ein polyphones Meisterwerk, das gänzlich ohne Anführungszeichen auskommt. Was zuerst etwas befremdlich und falsch aussieht, erweist sich nach wenigen Kapiteln als Stilmittel mit weitreichender Wirkung. Die Dialoge fließen ineinander über, das Erzählte bekommt ein großes Mehr an Dynamik und Authentizität. Als Teil der sehr fantasievollen – oft fantastischen – Handlung, in die der Autor zahlreiche Werke der Weltliteratur integriert (z.B. die Odyssee, den Goetheschen Faust oder den Don Quijote), dienen auch philosophisch-schwermütige Ausführungen über den Verfall von Kultur, Literatur und Gesellschaft (Eurokritik inklusive), in denen sich der Autor auch manchmal verliert.

„Das Leben war der Ort, wo die Gestirne ihre winzigen Körper absetzten, und mit ihnen gingen die Artgenossen und Dinge und Gerätschaften und eigenwilligen menschlichen Teufelsknollen einher, die einen das beständige Leuchten und Unendlichkeit nicht erkennen ließen.“ – So beginnt Xosé Carlos Caneiro's Roman voller Philosophie und Poesie, Fiktion und Alltag, Literatur und Leben – Ébora. Ein Ort, an dem „der Wind nach Zitronen und Tango und Abschied riecht.“

 

Artem Zolotarov